
Aufgabe und Sinn des Rezensionswesens
Auswahl und Kritik
Zu den Aufgaben der Theologischen Literaturzeitung
I
Noch niemals in der Geschichte der Menschheit war es so einfach, sich jederzeit und an jedem Ort über alles Wichtige und Unwichtige zu informieren. Was immer man wissen möchte, ist heute nur einen Mausklick entfernt. Zwar wissen wir, dass keine Suchmaschine uns alle verfügbaren Informationen bietet, weil sie auswählt und damit immer manches auch nicht erfasst. Es sind auch nicht alle Informationen stets für alle verfügbar, weil nicht jeder alles für alle zugänglich macht. Aber schon das, was sich finden lässt, ist meist mehr, als wir zur Kenntnis zu nehmen Zeit und Lust haben. Wie können wir wissen, welche Daten wirklich wichtig sind? Und wie können wir sicher sein, ob in der Flut der Daten das eigentlich Wichtige überhaupt enthalten ist?
Nicht Informationsknappheit, sondern die Unübersichtlichkeit verfügbarer Informationen ist heute ein Hauptproblem. Statt immer informierter werden wir durch die wachsende Datenflut immer orientierungsunfähiger, weil uns häufig die Fähigkeit und die Mittel fehlen, die Daten zu beurteilen. So wissen wir oft nicht, was wir wirklich wissen. Um das entscheiden zu können, sind wir auf Kriterien und das Urteil derer angewiesen, denen wir in der fraglichen Angelegenheit mit Gründen vertrauen können.
Das kann schief gehen, wenn Experten sich als unzuverlässig erweisen oder wir uns an Kriterien orientieren, die für manche, aber nicht für alle Wissensbereiche gelten. Wer meint, die jüngsten Veröffentlichungen seien auch die wichtigsten, mag in der Astronomie oder Neurowissenschaft nicht ganz falsch liegen, in der Philosophie, Theologie oder Literaturwissenschaft muss das aber keineswegs zutreffen. Doch hier wie dort lässt sich ohne Vertrauen in bewährte (aber veränderbare) Kriterien und zuverlässige (aber irrtumsfähige) Experten aus der Datenflut kein verlässliches Wissen gewinnen.
II
Dass wir in der Flut der Informationen und Publikationen unterzugehen drohen, gilt auch für die Theologie und Religionswissenschaft. Die wachsende Unübersichtlichkeit der wissenschaftlichen Produktion ist nicht der einzige, aber doch auch ein Grund dafür, dass sie von vielen immer weniger zur Kenntnis genommen wird. Gewiss gibt es auch in Theologie und Religionswissenschaft viele wichtige Fragen, die darauf warten, bearbeitet zu werden. Andererseits behindert die Menge dessen, was tagtäglich publiziert wird, zunehmend ernsthaftes theologisches Nachdenken und profiliertes Weiterbilden. Statt in immer besser abgestütztem Wissen resultiert die Globalisierung der Information zu häufig in einer parochialen Selbstgenügsamkeit mit schon Bekanntem oder der unangebrachten Bescheidung mit dem, was einem gerade als aktuell in die Augen springt. Wer das vermeiden will, muss aus den verfügbaren Informationen auswählen, und um das kritisch tun zu können, braucht man Kriterien.
Nun sind Kriterien stets Beurteilungsgesichtspunkte, die sich aufgrund bisheriger Erfahrung bewährt haben, im Fall neuer und anderer Erfahrungen aber auch revidiert werden können. Kriterien gehören zu einer kontingenten Praxis, und wissenschaftliche Kriterien zu einer kontingenten wissenschaftlichen Praxis, an der viele partizipieren. Das gilt auch für die wissensrelevanten Beurteilungskriterien in Theologie und Religionswissenschaft. Sie werden nicht von jedem immer wieder neu erfunden, sondern sind in Traditionen wissenschaftlicher Diskurse eingebunden, die nach Fachgebieten differieren. Man muss sie kennen, um die jeweiligen Forschungsresultate kritisch beurteilen zu können, und im wissenschaftlichen Diskurs steht mit der kritischen Prüfung und Beurteilung der Forschungsergebnisse stets auch die Brauchbarkeit der verwendeten Kriterien zur Debatte. Diese Diskurse muss verfolgen, wer sich in den vielfältigen Sachgebieten der Theologie und Religionswissenschaft verlässlich informieren, orientieren und weiterbilden will.
III
Das übersteigt die Möglichkeiten eines jeden einzelnen bei weitem und ist auch im Bereich von Theologie und Religionswissenschaft nur als Gemeinschaftsprojekt denkbar, in dem viele sich gegenseitig kritisch informieren und in öffentlicher Diskussion nach- und mitvollziehbar machen, wie Wichtiges von weniger Wichtigem, Gelungenes von Misslungenem und Haltbares von Unhaltbarem unterschieden werden.
Genau dafür gibt es wissenschaftliche Organe, und zu den herausragenden im deutschen Sprachraum gehört die Theologische Literaturzeitung. Seit ihrer Gründung im Jahr 1876 hat sie das Ziel verfolgt, gründlich, umfassend und unparteiisch über die wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft zu informieren. Dabei ging es von Anfang an nicht nur um deutschsprachige Publikationen, sondern auch um die wissenschaftliche Produktion in internationalem Horizont. Es gibt kein anderes deutschsprachiges Organ, das so umfassend und mit einem so breiten Kreis von Autorinnen und Autoren über die theologische und religionswissenschaftliche Literatur der Gegenwart sowie die wissenschaftlichen Entwicklungen in diesen Gebieten informiert.
Das soll auch künftig nicht nur so bleiben, sondern weiter verbessert werden. Wichtige Werke verdienen es, durch kundige Rezensenten und Rezensentinnen besprochen zu werden, die so einen weiterführenden Beitrag zur Diskussion der anstehenden Sachthemen leisten. Wir verwenden im Herausgeberkreis viel Zeit auf die Frage, welches Buch von wem rezensiert werden könnte und sollte. Hier alle nur erdenkliche Sorgfalt walten zu lassen, sind wir den Autorinnen und Autoren der besprochenen Werke und unserer Leserschaft schuldig. Kritische, faire und sachorientierte Besprechungen sind das Markenzeichen der Theologischen Literaturzeitung, an der sie auch künftig erkannt werden will.
Allerdings ist die nicht nachlassende Flut von Neuerscheinungen kaum noch zu bewältigen. Eine der Hauptaufgaben des Herausgebergremiums besteht deshalb darin, aus der Fülle der Veröffentlichungen in den verschiedenen Sachbereichen die wichtigsten Publikationen auszuwählen und für sie kompetente Rezensenten und Rezensentinnen zu gewinnen. Das erfordert einen Kreis von Fachpersonen, die in ihrer jeweiligen Disziplin die Publikationen und Fachdiskussionen überblicken und die internationalen Forschungsentwicklungen verfolgen. Derzeit gehören zum Herausgebergremium I.U. Dalferth/Zürich (Systematische Theologie, Religionsphilosophie, Philosophie), B. Ego/Osnabrück (Judaistik, Bibelwissenschaft), A. Feldtkeller/Berlin (Religions- und Missionswissenschaft), Chr. Grethlein/Münster (Praktische Theologie, Religionspädagogik), Fr. Hartenstein/Hamburg (Altes Testament, Altertumswissenschaft), Chr. Markschies/Berlin (Kirchengeschichte: Alte Kirche und Mittelalter), K.-W. Niebuhr/Jena (Neues Testament, Judaistik), F. Nüssel/Heidelberg (Systematische Theologie, Ökumene), M. Petzold/Leipzig (Systematische Theologie, Ethik), A. Beutel/Münster (Kirchengeschichte: Reformationszeit, Neuzeit, Zeitgeschichte). Mehrmals jährlich werden die Neuerscheinungen in den einzelnen Disziplinen vom Herausgebergremium gemeinsam durchgesehen und die anzufragenden Rezensentinnen und Rezensenten bestimmt. Betreut wird diese Arbeit von der Redaktion in Leipzig unter Leitung von Frau Dr. Weidhas.
IV
Um die Tradition der Theologischen Literaturzeitung im Bereich der Sach- und Überblicksartikel sowie der Forschungsberichte weiterzuführen und auszubauen, haben die Herausgeber im Jahr 1999 das Forum Theologische Literaturzeitung geschaffen. Es will zur theologischen Urteilsbildung sowie zur kulturellen Selbstreflexion beitragen, indem es eine Plattform für die Diskussion aktueller Themen in pointierten Wissenschaftsessays bietet, in denen sich Theologie und Religionswissenschaft ihres Standortes in Wissenschaft, Kirche und Gesellschaft vergewissern können.
Beide Disziplinen stehen hier gegenwärtig vor besonderen Herausforderungen. Umso abwegiger ist es, wenn zwischen ihnen immer noch und immer wieder eine unnötige und unfruchtbare Konkurrenz aufgebaut wird. Die Theologische Literaturzeitung war und ist programmatisch der Überzeugung, dass beide Disziplinen mit ihren unterschiedlichen Fragerichtungen aufs engste zusammenarbeiten und sich gemeinsam den aktuellen Herausforderungen stellen sollten. So wenig die Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft gänzlich unverbindlich und ohne Bezug auf gegenwärtige gesellschaftliche Problemlagen ist, so wenig ist die Theologie bloße kirchliche Anwendungswissenschaft oder unverbindliche Kulturwissenschaft. Beide haben die Pflicht, am öffentlichen Diskurs über die sie betreffenden und sie beschäftigenden Themen teilzunehmen, und sie können diese Aufgabe nicht ignorieren.
Eben dafür wurde das Forum Theologische Literaturzeitung geschaffen. Es ist ein Forum, weil nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch Kriterien und Einstellungen kritisch erörtert werden sollen, und zwar so, dass der Diskurs in beide Richtungen geht: Auf der einen Seite sind Überlegungen und Fragen der Gegenwart aufzugreifen und theologisch und religionswissenschaftlich zu bearbeiten. Auf der anderen Seite gilt es aber auch, den Ertrag theologischen und religionswissenschaftlichen Denkens in andere Bereiche unserer Kultur zu vermitteln. Beides kann immer nur punktuell geschehen. Aber wenigstens das muss geschehen. Auch Fachfremde können sich mit Hilfe des Forums auf schnellem Wege über wichtige aktuelle Fragestellungen und Streitpunkte der theologischen Hauptfächer sowie der Religionswissenschaft informieren. Damit unterstützt die Reihe das Hauptanliegen der Theologischen Literaturzeitung: die Einheit der Theologie zu wahren, die einzelnen Fachbereiche in ihrem Zusammenhang vorzustellen und die wissenschaftliche Bedeutung von Theologie und Religionswissenschaft in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen.
Ingolf U. Dalferth
(Hauptherausgeber)
