Buch des Monats: Juli/August 2016

Dietrich Korsch

Antwort auf Grundfragen christlichen Glaubens. Dogmatik als integrative Disziplin

Tübingen: Mohr Siebeck 2016. XII, 271 S. = UTB S 4560. Kart. EUR 19,99. ISBN 978-3-8252-4560-3.

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In seinem berühmten Vortrag „Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie“ von 1922 beschrieb Karl Barth in denkwürdiger Weise die besondere Existenz des Theologen. Sie verdankt sich – so Barth – dem Bedürfnis der Menschen nach einer Antwort auf die Fragen, die diese sich nicht selbst beantworten können, die Antwort auf das „Jenseits ihrer Existenz“, auf das große „Was? Wozu? Woher? Wohin?“. Darum „schieben sie uns in unsre merkwürdige Sonderexistenz, darum stellen sie uns auf ihre Kanzeln und Katheder, damit wir daselbst von Gott reden sollen, von der Antwort auf die letzte Frage“. – Der Text findet sich in: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922-1925, hrsg. v. Holger Finze, in: Karl Barth, Gesamtausgabe III/3, Zürich 1990, 144–175, hier: 151 f.
In den bald hundert Jahren, die seither vergangen sind, ist in vielen unterschiedlichen Ansätzen intensiv darüber nachgedacht worden, ob und wie Systematische Theologie unter den Bedingungen der aufgeklärten Metaphysikkritik und der verschiedenen Formen radikaler Religionskritik überhaupt noch auf die Frage nach Gott antworten kann. In seinem neuen Buch nimmt Dietrich Korsch diese Frage in Angriff. Seine Adressaten sind dabei die, „die elementare Fragen zur christlichen Religion stellen und Antworten suchen, die sie gedanklich und geistlich befriedigen“ (Vorwort, V). Damit ist schon angedeutet, wie Korsch die Frage angeht: nicht unmittelbar als Frage nach der Möglichkeit der Rede von Gott, sondern indem er die Fragen aufnimmt, die Menschen aus dem ihnen eigenen Sinninteresse heraus in der Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben beschäftigen. Er orientiert sich damit gewissermaßen empirisch an dem, was gefragt wird, und konzentriert sich auf insgesamt sechzehn Fragen.
Wie man von Paul Tillich lernen kann, werden die existentiellen Fragen im Horizont der Antwort formulierbar. Auch Korsch gibt schon in der Sondierung der Fragen den Horizont der Antwort zu erkennen. So stellt er zum Beispiel nicht die Frage: „Gibt es Gott?“, sondern: „Ist es vernünftig, an Gott zu glauben?“ Damit reiht er sich in das positionelle Spektrum gegenwärtiger Dogmatik ein, das er im einleitenden Dogmatik-Paragraphen skizziert (vgl. 12–16). Drei Konstellationen lassen sich nach Korsch differenzieren: In der ersten konzentriert man sich auf die Rationalität und Gewissheit des christlichen Wirklichkeitsverständnisses, in der zweiten wird die religiöse Deutungskraft des christlichen Glaubens für die menschliche Lebensdeutung vermessen, in der dritten Konstellation wird der Ansatz der Wort-Gottes-Theologie religionsphilosophisch, phänomenologisch oder auch hermeneutisch gestützt und der Zusammenhang zwischen religiösem Bewusstsein und kirchlicher Verkündigung erschlossen. Alle drei Zugangsweisen gehören „derselben historischen Lage“ (16) an. Sie lassen sich – so jedenfalls verstehe ich Korsch – als kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit dem anti-subjektivistischen Ansatz der Barthschen Offenbarungstheologie verstehen, indem sie auf allerdings sehr unterschiedliche Weise dem religiösen Bewusstsein einen argumentativen Platz einräumen. Für Korsch handelt es sich dabei aber nicht um Gegensätze. Vielmehr lassen sich „Elemente aus allen drei Hauptpositionen verwenden“ (16), wobei Korsch der zweiten, der hermeneutisch-deutungstheoretischen, Zugangsweise einen gewissen Vorrang einräumt, weil sie am ehesten imstande sei, die Gesichtspunkte der anderen Zugangsweisen mit zu berücksichtigen (vgl. 16). Sie alle gehen übereinstimmend davon aus, dass sich die Frage „gibt es Gott?“ so gar nicht stellt. Das heißt keineswegs, dass sich das religiöse Bewusstsein für die Existenz Gottes nicht interessiert. Aber die Frage stellt sich nicht abstrakt, sondern in einer Reihe von Fragen wie, ob es vernünftig ist, an den einen Gott zu glauben (§§ 4–5), ob Gott die Welt geschaffen hat und regiert (§§ 6–7), warum wir uns an Jesus Christus orientieren sollen (§§ 9–10), wer wir vor Gott sind und was wir tun können und tun sollen (§ 8, §§ 11–12, §§ 15-16), welche Rolle die Kirche spielt (§§ 13–14). Diese Fragen nach Gott kulminieren in konkretester Form in den beiden Fragen, ob Gott Gebete erhört (§ 17) und was nach dem Tod kommt (§ 18).
Korsch gibt die Antworten, indem er stets zuerst die Hintergründe der Frage reflektiert, sodann die Materialien (biblische Grundaussagen und Kernpositionen aus ihrer Wirkungsgeschichte) für die Antwort vorstellt, um schließlich jeweils mit einem Abschnitt zu enden, der nicht einfach mit „Antwort“, sondern mit „Die Antwort“ überschrieben ist. Wer sich in der deutschsprachigen Dogmatik des 20. Jahrhunderts auskennt, kann ermessen, was Korsch mit dieser Überschrift tut, ja wagt. Er macht sich die von Barth beschriebene Sonderexistenz des Theologen zu eigen, von dem nicht mögliche Antworten erwartet werden, sondern eben die Antwort. Allerdings führt uns sein Buch zugleich vor Augen, dass wir die Frage nicht anders als in einer Reihe von Fragen stellen (können), auf die es dann auch einzelne Antworten gibt. Diese wiederum erweisen sich jeweils als „die Antwort“ im Kontext der Analyse der Hintergründe und der Materialien, die Korsch erschließt. Darum wäre es verfehlt, hier die Antworten zusammenzufassen. Stattdessen sei das Buch zur Lektüre empfohlen. Nur die Antwort auf die Frage, ob die Bibel Gottes Wort sei, soll hier schon einmal verraten werden: „Ja, denn ohne die grundlegende Verwendung der Bibeltexte, die aus der Verkündigung stammen, welche den Blick auf Jesus und seine Geschichte richtet, gibt es auch heute keine Verkündigung, die zum Glauben führt. Nicht von ihrer Herkunft her ist die Bibel göttlichen Ursprungs [...]. Von ihrer Herkunft her ist die Bibel Erzeugnis von Menschen, freilich von solchen, die Zeugen der Kraft Gottes geworden sind, welche die Menschen ergreift und auf Gott hin orientiert.“ (48)

Friederike Nüssel, Heidelberg

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