Buch des Monats: Juni 2016

Rosa, Harmut

Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung

Suhrkamp Verlag 2016. 815 S. Geb. EUR 34,95. ISBN 978-3-518-58626-6.

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„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ Mit diesem ersten Satz benennt der Soziologe Hartmut Rosa die „Kernthese“ seines – mit Registern – über 800 Seiten umfassenden Buchs. Rosa wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch sein Konzept der Beschleunigungsgesellschaft bekannt. Die dem entsprechende Forderung nach Entschleunigung, mittlerweile schon im Bereich des Small Talk angekommen, erscheint ihm nicht hinreichend. Positiv möchte er dem eine weiter reichende Resonanztheorie entgegensetzen.

Beachtung verdient das dabei entstandene Opus magnum aus mehreren Gründen. Zum Ersten legt der Jenenser Professor eine gewichtige Fortschreibung der Kritischen Theorie vor. Explizit führt er dies im längsten Abschnitt des Buchs „Auf dem Weg zu einer Soziologie der Weltbeziehung“ (540-598) vor. Dabei zeigt sich seine große Integrationskraft, aber auch die Eigenständigkeit seines Denkens. Neben den „klassischen“ kritischen Theoretikern finden Einsichten z.B. von Max Weber und Emil Durkheim Aufnahme bzw. werden kritisch diskutiert. Zum Zweiten enthält der Band auf phänomenologischen Spuren eine Fülle anregender Beobachtungen zum Alltag. Die „smartphonefixierte Kultur des gesenkten Blicks“ (311) begegnet ebenso wie Überlegungen zur Magersucht bzw. Fettleibigkeit (106), Burnout (179f.) oder Public Viewing (335). Dabei arbeitet Rosa jeweils plausibel das hinter der heutigen ökologischen, psychologischen und ökonomischen Krise stehende gestörte, nicht resonante, sondern repulsive Weltverhältnis heraus. Leitend sind dabei die beiden Kategorien der „Resonanz“ und der „Entfremdung“, die nicht nur ausführlich und differenziert entfaltet, sondern auch in knappen übersichtlichen Definitionen zusammenfassenden Definitionen geklärt werden (298 bzw. 316). Drittens zieht Rosa vielfältig literarische Belege heran, wobei auf Texten aus der Romantik sowie der Pop- und Rockmusik ein gewisser Schwerpunkt liegt. Sie dienen der Konkretisierung und sprachlichen Zuspitzung allgemeiner Befunde.

Immer wieder wird scharf der Gegensatz von Resonanz und Entfremdung herausgearbeitet und modernitätstheoretisch gedeutet: „Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität.“ (624) Dabei taucht eine theologische Perspektive im Bereich der Resonanz auf, insofern „Religion“ – neben Natur und Kunst (197 – als zentrale „Resonanzoase“ gilt: Die „überlieferten Religionen, jedenfalls in ihrer jüdisch-christlichen oder auch islamischen Gestalt“ scheinen „zumindest auch – wenn nicht sogar primär – als (möglicherweise unverzichtbare) Gegenpole zur Steigerungs- und Dynamisierungslogik der Moderne zu fungieren“ (688). Dazu greift Rosa immer wieder auf zumindest theologie- bzw. religionsaffine Sprache zurück. So fasst er schließlich zusammen: „Unter den Bedingungen eines unerlösten Daseins ist Resonanz nur das Aufblitzen der Hoffnung auf Anverwandlung und Antwort in einer schweigenden Welt.“ (750) Davor betont er nachdrücklich die Unverfügbarkeit der Resonanzerfahrung (625) und weist auf die „Berührung durch das unverfügbar Andere“ (621) hin – fast man möchte sagen: er beschwört sie. Beachtung verdient hier der wiederholte Rekurs auf die Kinder, die „per se Resonanzwesen sind, die gar nicht umhinkönnen, die Welt als antwortend zu erfahren“ (605) Das Kinder-Evangelium (Mk 10,13-16) liegt hier in greifbarer Nähe. Doch auch esoterische Anschlüsse erscheinen möglich, obgleich sich hier Rosa wiederholt abzugrenzen versucht (s. z.B. 269 Anm. 243).

Insgesamt liegt so ein Buch vor, das einer phänomenologisch arbeitenden bzw. gegenwartsanalytisch interessierten Theologie vielfältige Einsichten und Anschlüsse offeriert. Es bemüht sich – gegenüber der bisher eher pessimistisch bzw. negativ gestimmten Kritischen Theorie – um eine positive Ausrichtung gegenüber den auf Entfremdungen hinweisenden Analysen. Dass dies dann doch eher (zu) kurz kommt, liegt vielleicht zum einen am eben unverfügbaren Charakter des resonanten Weltverhältnisses, das auch als „gelingendes Leben“ (733) definiert wird. Zum anderen bleibt offen, was das „Aufleuchten der Augen“ (334) in den Momenten der Resonanzerfahrung bewirkt. Eher tastend werden im letzten Teil des Buchs „Konturen einer Postwachstumsgesellschaft“ (722ff.) skizziert, die die gegenwärtig dominierende „Steigerungslogik“ überwinden und die Weltbeziehung verändern soll (722f.): „Nicht die Reichweite, sondern die Qualität der Weltbeziehung soll zum Maßstab politischen wie individuellen Handelns werden.“ (725) Nachdenklich macht die in diesem Zusammenhang erhobene Forderung, „den Grundmodus des In-der-Welt-Seins vom Kampf auf Sicherheit umzustellen“ (730). Hier könnte die theologische Unterscheidung von „securitas“ und „certitudo“ vor Überforderungen – und nachfolgenden Enttäuschungen – schützen.


Christian Grethlein (Münster)

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